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Die lit.kid.RUHR Schreibwerkstatt

Die lit.RUHR (8.-13.10.2019) ist ein Literaturfest. Sie feiert das Lesen, einmal im Jahr. Relevanter Bestandteil ist das Programm der lit.kid.RUHR, das sich auch im umfangreichen Klasse-Buch-Programm an Kinder und Jugendliche ab der ersten Klasse richtet, um sie fürs Lesen zu begeistern. Über das fünftägige Literaturfest hinaus möchte die lit.kid.RUHR langfristig und nachhaltig die Freude am Lesen, die Lesekompetenz und die Begeisterung für Sprache fördern. Deswegen initiiert sie Projekte, die die Vermittlung von Sprache und Literatur zum Inhalt haben. Ein solches Projekt ist die Einrichtung der lit.kid.RUHR Schreibwerkstatt zur Förderung des kreativen Schreibens. Vorderstes Ziel: Die Stärkung von Lesekompetenz durch den bewussten und kreativen Umgang mit Sprache. Darüberhinaus steigert die Verbesserung der Lese- und Sprachkompetenz das Selbstbewusstsein, die Offenheit für Themen und allgemein die Chancen auf Bildungserwerb.

Eingeladen sind die SchülerInnen aller Schulformen ab der fünften Klasse bis zur Oberstufe. Sie besuchen einmal wöchentlich nachmittags die lit.kid.RUHR Schreibwerkstatt auf dem Uni-Campus der Universität Duisburg-Essen. Am dortigen Institut für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache wurde die Schreibwerkstatt entwickelt. Studentische TutorInnen betreuen die SchülerInnen beim Schreiben. Sie verfügen über die fachliche Kompetenz und praktischen Werkzeuge, freies und kreatives Schreiben, biografisches Schreiben und Sprachreflexion zu vermitteln.

Neben der Bandbreite an Schulformen und Schulstandorten der teilnehmenden, teilweise zweisprachigen SchülerInnen ist auch die altersübergreifende Zusammensetzung wichtig, um eine gegenseitige Inspiration und Hilfestellung zu fördern. So können ältere SchülerInnen für jüngere zu Schreibbegleitern werden, wodurch sie ihre eigenen Kompetenzen weitergeben und erweitern.

Die SchülerInnen können im Rahmen der lit.kid.RUHR Schreibwerkstatt ihre Texte publizieren. Sie haben auf einer eigenen Seite der lit.RUHR-Website die Möglichkeit, aktuell von Erlebnissen im Rahmen der Schreibwerkstatt zu berichten und ihre Texte zu veröffentlichen.

Die lit.RUHR lädt einen bekannten Autoren/eine bekannte Autorin ein, die Schreibwerkstatt zu besuchen. Im Rahmen eines Workshops kann er/kann sie einen Einblick in den Beruf des Schriftstellers geben und direkt und anschaulich Schreibkompetenz vermitteln. Während der lit.RUHR sind die teilnehmenden Schüler*innen dann eingeladen, die Lesung des Autoren/der Autorin zu besuchen.

Gegebenenfalls können die TeilnehmerInnen der Schreibwerkstatt ihre Texte selbst auf der lit.kid.RUHR präsentieren und im Rahmen des Klasse-Buch-Programms in einer eigenen Veranstaltung vor öffentlichem Publikum ihre Texte lesen.

Kontakt: Siham Lakehal
Email: siham.lakehal@uni-due.de
Telefon: 0201-1822569

Beispiele von SchülerInnen:

Juli 2019

Narin:

Hi! Ich bin Narin. Ich bin 15 Jahre alt und lebe mit meiner Familie in Essen. Meine Leidenschaft ist das Schreiben und die Musik und ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. Also auch in dem Sinne, dass ich schon sehr gerne diskutiere, was nicht immer von Vorteil sein muss, aber in der Schule ist es das meistens. Zudem bin ich weltoffen und ich versuche immer nett zu allen in meiner Umgebung zu sein, setzte mich allerdings auch gerne für Gerechtigkeit ein. Wenn es darum geht, nehme ich kein Blatt vor den Mund.

Die rennende Zeit
Tick
Tack
Tick
Und wieder tack!
So geht es immer weiter und weiter
Mal ist sie schmal, mal ist sie breiter
Doch funktionieren tun sie gleich.
Man findet sie in jedem Bereich.
Ob zu Haus oder am Bahnsteig
Sie läuft ohne Barmherzigkeit.
Für nichts und niemanden bleibt sie stehen.
Sie ruht nie mehr, sie wird immer gehen.
Die Uhr mag ihren Geist mal aufgeben,
Doch die Zeit selbst bleibt immer am Leben.

Tick
Tack
Tick
Und wieder tack!
Gehetzt laufen wir mit der Zeit
Zu jedem Stress sind wir bereit.
Wir haben Angst vor dem Erwachen,
Wir haben so vieles noch zu machen.
Noch so vieles zu erleben
Drum bleiben wir nicht stehen, selbst bei Regen.
Unser Körper macht nie Halt
Irgendwann sind unsere Herzen kalt.
Unser Geist schwach und abgenutzt,
Doch bei Arbeit nicht mit der Wimper zuckst.

Der Fremde
Ich höre den Bass, der aus seinen Kopfhörern dringt
Oftmals schnieft er und sieht sich um
Mal hier mal dort wandert sein Blick hin
Und gemütlich versucht er es sich zu machen
Schließlich ist er auf dem Weg
Wohin ist mir unbekannt
Und wissen werd ich's nie
Allein ist er im Moment
Naja, eigentlich nicht
Aber eigentlich schon
Ich bin da und auch die anderen
Die ihres Weges gehen
Aber allein ist er noch immer
Und hört den Bass, den auch ich höre
Und sieht die Menschen, die auch ich sehe
Auf unseren Wegen, die sich bald schon trennen,
Denn ich muss raus
Aus der Bahn
Und schon ist sie weg für mich
Seine Existenz.

Harman

Harman ist 18 Jahre alt, lebt in Essen und besucht dort auch die Schule, die er mit dem Abitur abschließen möchte. Er lebt seit dreieinhalb Jahren bei seiner deutschen Gastfamilie, da er als Jugendlicher unbegleitet vor dem Krieg geflüchtet ist. Seine Familie lebt noch im Irak. Zurzeit nimmt er neben der Schule an Sprachkursen der Universität Duisburg-Essen teil, um so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Manchmal bleibt ihm auch etwas Zeit für eine kleine Geschichte:

Warum nur die Besten?
In einer Nacht träumte ich sehr schlecht. Ich sah, wie die netten und besten Menschen mich verließen und gingen. In der Nacht danach träumte ich, wie meine Gastmutter starb. Ich sah wie wir, meine Gastfamilie und ich, schwarz bekleidet waren und uns auf ihrer Beerdigung befanden. Ich weinte um sie und hatte Angst. Ich wachte dann auf und war sehr schockiert.
Ich habe meine Gastmutter sehr lieb, denn ich lebe seit über einem Jahr in meiner deutschen Gastfamilie und sie ist ein sehr besonderer Mensch. Dieser Traum war so real, dass ich mitten in der Nacht in ihr Schlafzimmer gehen musste, um nachzuschauen, ob sie noch da ist. Sie schlief. Am nächsten Tag ging ich zur Schule und war immer noch in Gedanken. Ich wurde sogar von vielen Leuten in der Schule gefragt, was mit mir los sei. Als ich von der Schule nach Hause fuhr, sah ich in der Bahn einen traurigen Mann, der mit sich selbst redete: „Ich verstehe es nicht! Warum nur die Besten?“, fragte er. Ich dachte sofort an meinen Traum. Ich näherte mich ihm ein bisschen, um ihn besser zu verstehen. „Warum gehen nur die Besten? Die, die wir lieben?“, fragte er wieder.
Meine große Angst ist, dass ich die Menschen, die ich liebe, verliere.

Das ist schon in meiner Kindheit zu oft passiert. Ich verlor meinen Freund, als wir in der Grundschule waren und weitere aus meiner Familie. Von daher kenne ich die Gefühle der Trauer und Hilflosigkeit. In den Jahren fragte ich die Geistlichen, die Spirituellen, die Mystiker und tief religiöse Menschen: „Warum nur die Netten und die Besten?“ Ich bekam von ihnen noch nie eine aussagekräftige Antwort.
Ich versuche seit einiger Zeit die Menschen zu ignorieren und niemanden zu lieben. Ich mache alles gegen ihren Willen, damit sie auch mich nicht mögen. Aber sie haben mich trotzdem lieb. Ansonsten habe ich keine Ängste, vor nichts.
Bei dem letzten Weihnachtsfest besuchten wir die Kirche und ich durfte eine Kerze anzünden und mir etwas wünschen: „Gott, ich bitte, dass du die Armen und Hungrigen, meine Freunde, Feinde, jede Kreatur auf der Welt schützt und ihnen hilfst.“ Dann betete ich für meine Familie und mich. Mein letzter Wunsch war, dass ich vor den Menschen, die ich liebe, sterbe und dann zündete ich die Kerze an. Ich hoffe, dass das auch so geschehen wird.

April 2019

Yara:

Yara, eine junge Schreiberin in unserer Schreibwerkstatt, lebt erst seit wenigen Jahren in Deutschland. Das macht sie nicht zu einer Ausnahme an der Universität Duisburg-Essen, denn die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Projekt haben eine Migrationsgeschichte und viele haben Fluchterfahrungen machen müssen. Yara wurde in Syrien geboren und sie entstammt einer kurdischen Familie, mit der sie heute in Bochum lebt. Sie besucht zurzeit die Oberstufe und bereitet sich auf das Abitur vor. In ihrer Erzählung Das Meer umarmen bearbeitet Yara die Flucht aus ihrem Heimatland. Zu Ihrer Geschichte hat sie außerdem eine Grafik in Kaltnadeltechnik erstellt.

Das Meer umarmen (Yara, 17)
»Wir müssen schnell einsteigen!«, treibt uns eine vor Angst zitternde Stimme von hinten an. Es ist düster und bitterkalt. Die Regentropfen peitschen in mein Gesicht. Mein ganzer Körper zittert. Die Angst überrollt mich, frisst sich in mein Herz. Nein! Ich muss mutig und stark bleiben! Wenigstens für meine Schwestern, denen geht es nicht besser als mir.
Wir fahren, die Angst dominiert, ich sehe sie in ihren Augen schwelen. Ich bete und sage Abschnitte des heiligen Korans auf. Eine Stimme in mir raunt: »Gott ist neben euch, er ist da…« Die Zeit dehnt sich endlos. Zum Glück sind es nur noch zweihundert Meter. Ich sehe Lichter schimmern wie Perlen, gleich sind wir da! Die Freude vertreibt die Angst aus den Augen. Doch plötzlich kehrt sie mit voller Wucht zurück.
Was ist los?! Meine Füße sind nass. Es strömt immer mehr Wasser herein. Panik und Entsetzen lähmen meine Zunge. Ich versuche zu sprechen, doch kein Ton ist zu hören. Alle anderen schreien und heulen. Die Angst wabert und schwappt überall durchs Boot. »Das Wasser! Wir müssen das Wasser schnell ausschöpfen!«, schreit eine Stimme, doch es ist kein Eimer zu finden. Wir greifen nach unseren Schuhen und versuchen damit das Wasser aufzuhalten. Es hilft aber nicht! Der Himmel weint um uns. Ich frage mich, ob das Tränen oder Steine sind. Meterlange Wellen nähern sich uns. Sie wollen uns umarmen, ganz fest umarmen. Meine Augen suchen panisch nach meiner Mutter und meinen Schwestern. Ich höre die Stimme von Sevijan. Nun sehe ich sie auch! Sie steht vor meiner Mutter. Aus ihren Augen fließt ein Wasserfall von Tränen.
»Mama! Mama! Warum hast du uns das angetan? Ich will nicht von den Fischen gefressen werden, ich will noch leben, noch ein paar Tage mehr!« Sie schluchzt und schnieft. Von Solijan ist nichts zu hören. Schläft sie etwa? Vielleicht will sie uns nicht sterben sehen. Gott!! Ist das mein Ende? Ist alles schon vorbei? Das Meer zieht uns nach unten. Es verschluckt uns. Bestimmt hat es großen Hunger. Aber ist es noch nicht satt geworden?
Ich versuche meine Tränen zu unterdrücken, doch sie rinnen aus meinen Augen. Trotz der Kälte fühlen sie sich heiß an, verbrennen mich genauso wie die Angst. Ich greife nach den Händen meiner Schwestern. Die Wärme ihrer Hände schiebt die Angst beiseite. Doch das Meer trennt uns schonungslos. Es ist so mächtig, so trügerisch und so hungrig! Es nimmt mir die Luft zum Atmen, es zeigt mir, wie stark es selbst ist und wie schwach ich bin. Das Wasser wandert in meinen Mund und meinen Bauch. Nun fühle ich es in den Fasern meines Körpers. Die Gedanken bohren sich in meinen Kopf, gefolgt von dem stechenden Schmerz, der meinen ganzen Körper durchdringt. Es wird mir schwarz vor den Augen. Ich sehe nichts mehr. Ich merke nur noch, wie ich hineingezogen werde, mit all den Gedanken und Gefühlen. Aschhadu Ana La Ilah Ila Allah… Wa A… Was ist los?
Ich höre eine Stimme. Bin ich schon tot?
Nein, aber diese Stimme kenne ich; ich kann sie zwischen Hunderten erkennen! Ich lache und weine gleichzeitig, denn ich weiß nun, was los ist. Die Stimme ruft: »Sechs Uhr dreißig! Komm! Wir wollen joggen gehen!«

Und der Traum wartet noch am anderen Ufer.

Gwan

Mein Name ist Gwan, ich bin 16 Jahre alt und ich lebe seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Ich komme ursprünglich aus Syrien und besuche die 9. Klasse einer-Gesamtschule in Bottrop. Mein Ziel ist es, mein Deutsch zu verbessern. Ich bin nicht der Typ, der sich für Geschichten interessiert. Stattdessen schreibe ich lieber Gedichte!
In der Schreibwerkstatt habe ich die Möglichkeit, sowohl mein Deutsch zu verbessern als auch meine Kreativität zu erweitern. Ich nehme auch daran teil, weil es mir wichtig ist, Kontakte mit netten und freundlichen Menschen zu knüpfen. Hier habe ich ein Gedicht auf Deutsch verfasst und mich dann bemüht, es in die englische und kurdische und Sprache zu übertragen.

Heimweh
Wie die Schwalben!
Schwärmten im blauen breiten Himmel
Haben uns nichts gelassen
Nur ihre verstreuten Linien
Aus bunten Farben an den Wänden des Topfes
Zeigen ihren Namen an
In Erinnerung des Vergessens
Segelten weit und brausten
Sodass die Bäume und die Berge
Auf der Suche nach....
Nest, Unterkunft, Sicherheit waren
Genau so wie die traurige Lieder
Verrosten am Horizont
Was ist jetzt aus ihnen geworden?

Was denn?

Homesickness
like the swallow
enthused in the blue wide sky
let us nothing left
just their dispersion lines
from colours at the wall this fate
displayed their names
in memory the oblivion
sailed far and roared
that the trees and the mountains
were in search of...
nest, accommodation, safety
exactly like the sad songs
rusted on the horizon
now, what has become of them?

What?

Êsha bajar
Mina refên hacîreşka
Firîn di azmanên ber fereh
Û diştek ne hiştin ji mere
Tenê xêzikên
Bi rengên bela wela li ser diwarên qederê
Nîşan dikirin navên wan
Di hişekî ne di xwest ji bîr kê

Firîn û cûn dûr
Li ciya û daran Digeriyan li....
Hêlînen, li cihê raman û aştiyê
Dibê qey ew sitranên xemgînin
Dengê wan li ber dûr vedgerê
Cawa cêbûn niha?

Gelo?